Rationale Weltanschauung
Ein möglicher Weg zu einem glaubwürdigen Glauben
Eine rationale Weltanschauung basiert nicht auf
Heiligen Schriften oder Gurus, sondern allein auf dem individuellen Verstand.
D.h. aufbauend auf einer unbewiesenen Grundannahme wird durch logische
Verknüpfung von fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, philosophischen
Bausteinen und persönlichen Erfahrungen eine individuelle rationale
Weltanschauung erarbeitet. Mit der unbewiesenen Annahme, dass nur die
materielle Welt existiert und nichtmaterielle Dinge (z.B. Energie, Ideen) nur
in Verbindung mit Materie möglich sind, ergibt sich eine materialistische
Weltanschauung, oft auch als Atheismus bezeichnet. In diesem Fall kann man natürlich
dem gesamten Weltgeschehen keinen tieferen Sinn zuschreiben. Trotzdem ist der
Materialismus ein glaubwürdiger Glaube, allerdings nicht der einzige. Mit der
anderen unbewiesenen Annahme, dass es neben der materiellen Welt auch noch eine
davon unabhängige spirituelle Welt gibt (Nicht-Materialismus oder Dualismus),
kann man darauf vertrauen, dass das gesamte Weltgeschehen einen tieferen Sinn
hat und seine Abläufe höchste Perfektion aufweisen. Mit diesem Grundvertrauen
kann man für sich selbst eine rationale Weltanschauung entwickeln, indem man
sich ein universelles Weltgeschehen ausdenkt, das perfekt erscheint und im
Einklang mit dem Wissen unserer Zeit sowie mit unserer persönlichen Erfahrung
steht.
Nachfolgend wird die Methode zur Erarbeitung einer
individuellen rationalen Weltanschauung auf dualistischer Basis erläutert und
die eigene Weltanschauung lediglich als Beispiel zur Diskussion gestellt.
Dr. Hermann Raith
E-Mail:
Hermann Raith
English version: http://members.westnet.com.au/hraith/rwe.htm
1.
Einführung
Religionsgemeinschaften bieten vielen Menschen Hilfe,
Orientierung und Geborgenheit, wobei weltanschauliche Fragen eine
untergeordnete Rolle spielen. Zu welcher Gruppierung man gelangt ist oft reiner
Zufall, doch auch dagegen ist nichts einzuwenden, solange man sich dort
zugehörig fühlt und zufrieden ist. Doch was ist in den Fällen, wo man nicht
bereit ist, sich bedingungslos einer Glaubensgemeinschaft anzuschließen und
auch nicht die Gemeinschaft, sondern die Glaubwürdigkeit der Weltanschauung im
Vordergrund des Interesses steht? In einem solchen Fall ist man zunächst
auf sich selbst gestellt und kann entweder nach einer befriedigenden Weltanschauung
suchen (mit fraglichem Erfolg) oder man muss sie sich selbst erarbeiten. Von
religiöser Seite wird hier zu Bedenken gegeben, dass man einen Glauben nicht
nur mit dem Verstand erfassen kann, sondern dass die emotionale Seite auch dazu
gehört. Dieser Einwand ist zweifellos richtig, doch nur die rationale
Betrachtung ist diskussionsfähig und diejenigen, die der Rationalität den
Vorrang geben, werden sich ohne rationale Prüfung nicht auf Emotionen
einlassen.
Zunächst ist jedoch zu prüfen, ob es überhaupt noch
glaubwürdige Alternativen zur materialistisch/atheistischen Weltanschauung
gibt.
2.
Haben die Naturwissenschaften Gott verdrängt?
Die großen Erfolge der Naturwissenschaften waren nur
möglich, weil man sich gegen den Widerstand der Kirchen von religiösen
Weltanschauungen befreit und den Materialismus zur Arbeitsgrundlage gemacht
hat. Für die Naturwissenschaften war das sinnvoll, da diese sich nur mit
materiellen Vorgängen befassen und nicht nach dem Sinn des Lebens suchen.
Die Erforschung des Universums und die Entdeckung der Evolution scheinen Gott
immer mehr verdrängt zu haben, doch dieser Eindruck täuscht. In die Ecke
gedrängt wurden nur die Kirchen mit ihren z.T. engstirnigen Weltanschauungen.
Die Vorstellung von Gott hat andererseits durch die Naturwissenschaften an
Größe gewonnen. Ist ein Gott, der die Welt allein durch seine universellen
Gesetze und Programme erschaffen hat, nicht viel erhabener und glaubwürdiger
als ein Gott, der alles einzeln erschaffen hat und sich ständig um alles auf
sehr menschliche Weise kümmern muss? Selbst wenn es gelingt nachzuweisen, dass
das Universum völlig aus dem Nichts entstanden ist, ohne dass dabei mystische
Dinge im Spiel waren, so ändert das grundsätzlich nichts. Schließlich bleibt
doch noch die Frage, warum sich alles so ereignete.
3. Ist noch
Platz für eine individuelle Seele?
Von wissenschaftlicher Seite wird oft argumentiert,
dass man sich nicht vorstellen kann, wie eine nichtmaterielle Seele die Materie
beeinflussen könnte. Doch es gibt weitaus mehr, was man sich nicht vorstellen
kann - z.B. die gewaltigen Gravitationskräfte, die zwischen den Himmelskörpern
durch einen leeren Raum hindurch wirken, auch wenn diese sich präzise berechnen
lassen.
Überzeugender ist da schon der Hinweis, dass man in
der Gehirnforschung bereits viele Vorgänge analysieren und verfolgen konnte,
ohne den Anstoß von Abläufen durch eine Seele zu entdecken. Würde man jedoch
bei einer vergleichbaren Detail-Analyse der technischen Vorgänge in einem
großen Flugzeug (die Vorgänge sind hier weitaus weniger kompliziert als im
Gehirn) wirklich unterscheiden können, ob das Flugzeug mit Autopilot fliegt
oder ob es lediglich ein Werkzeug (Hilfsmittel) unter der vollen Kontrolle
eines Piloten (vergleichbar mit der Seele) ist? Man glaubt hier ferner, dass,
wenn man erst einmal in der Lage sein wird, alle Vorgänge im Gehirn vollständig
auf einen Computer zu übertragen, dass dann darin auch die Eigenschaft der
Selbsterkennung enthalten sein muss. Doch wissen wir eigentlich, was
Selbsterkenntnis und Bewusstsein wirklich bedeuten? Wäre es aber tatsächlich
möglich, alle Gehirnvorgänge auf einen Computer zu übertragen, könnte das nicht
heißen, dass damit auch ein brauchbares Interface für die Adaption einer Seele
vorliegt? Hier sind jedenfalls noch viele Fragen offen, sodass letztlich nichts
gegen die Existenz individueller Seelen spricht - natürlich spricht von
naturwissenschaftlicher Seite auch nichts dafür.
Betrachtet man am Beispiel des Wasserkreislaufes, wie
die Natur ein perfektes Recycling betreibt und sieht man ferner, wie in Form
der Evolution zufällige Änderungen im biologischen Erbgut in Verbindung mit dem
Kampf ums Überleben (Selektion) zur Aufwärtsentwicklung der Arten führte, dann
muss man sich wundern, dass dem einzelnen Individuum keinerlei Bedeutung
zukommen soll. Doch warum sollte ausgerechnet das wichtigste Gut, die
persönliche Erfahrung von höheren, sich selbst erkennenden Lebewesen wie dem
Menschen, ungenutzt verloren gehen? Da die Übertragung der individuellen
Lebenserfahrung auf nachfolgende Generationen kaum stattfindet, erscheint es
durchaus sinnvoll anzunehmen, dass die Seele das eigentliche Individuum in
biologischer Gestalt ist, die nicht mit dem biologischen Körper stirbt.
4.
Welche Beweiskraft haben "Beweise"?
Echte Beweise durch beliebig oft reproduzierbare
Experimente gibt es nur im Bereich der Naturwissenschaften. Hier ist auch
die materialistische Arbeitsbasis zweifellos angebracht. Doch die leichtfertige
Übertragung dieser Arbeitsbasis auf andere Disziplinen, wie z.B. die
Psychologie, versperrt von vornherein Erkenntnisse über eine eventuelle
spirituelle Welt. Beweise in diesem Bereich sind allerdings nur eingeschränkt
möglich und bleiben deshalb meist auch nicht ohne Widerspruch.
Aus materialistischer Sicht ist jeder Mensch
vollständig durch Erbanlagen und Umwelteinflüsse bestimmt.
Doch wie steht es mit eineiigen Zwillingen, die sich
ähnlicher sein müssen als geklonte Personen, denn hier stimmen nicht nur die
Erbanlagen vollständig überein, sondern auch die Umwelteinflüsse sind vor der
Geburt und oft auch danach sehr ähnlich? Fragt man derartige Zwillinge, ob sie
sich nicht nur körperlich, sondern auch charakterlich als Kopie des anderen
fühlen, so wird man das wahrscheinlich eindeutig verneinen. Oft genügt auch ein
Blick in die eigene Familie, um festzustellen, dass beträchtliche charakterlichen Unterschiede zwischen manchen Geschwistern
kaum allein durch Erbgut und Umwelteinflüsse entstanden sein können.
Wie steht es mit den sog. "Wunderkindern",
die frühzeitig ungewöhnliche Fähigkeiten entwickeln, die nicht durch Vererbung
und Umwelt erklärbar sind? Wie kommt es zu den großen Genies, die es zu allen
Zeiten gab und die sich ganz wesentlich von ihren Vorfahren oder ihrer Umwelt
unterscheiden?
Dann gibt es noch die NDE-Studien
(NDE = Near Death Experience), die auf den Arzt Dr. Raymond Moody zurückgehen. Er interviewt seit über 30 Jahren
zahlreiche Patienten, die klinisch tot waren und reanimiert wurden. Die Erlebnisse
in Todesnähe zeigen erstaunliche Ähnlichkeiten und hierbei wird auch von
Wahrnehmungen berichtet, die Ereignisse an einem anderen Ort betrafen und von
Dritten bezeugt werden konnten. Diese Untersuchungen wurden inzwischen von
vielen anderen Wissenschaftlern bestätigt, obgleich es hier natürlich auch
Widerlegungsversuche gibt, nach dem Motto: "Was nicht sein kann, das nicht
sein darf".
Generell kommen wir mit solchen "Beweisen"
nicht weiter, denn sie werden nur von denen akzeptiert, in deren Weltanschauung
sie passen. Unsere Weltanschauung ist wie ein Puzzlespiel. Wir bekommen
irgendwoher ein Bild und nur die Ereignisse, die in dieses Bild passen, werden
als "Puzzle-Bausteine" wahrgenommen. Andere Bausteine mögen in andere
Bilder passen, doch diese sind für uns wertlos und werden ignoriert. Ein
universelles Bild (Weltanschauung) ist somit viel wichtiger als alle Bausteine
("Beweise"), denn letztere haben keine Bedeutung, solange sie unser
fixiertes Bild nicht aufnehmen kann.
5. Wie
gelangt man zu einer individuellen rationalen Weltanschauung auf dualistischer
Basis?
Mit der Annahme, dass es neben der materiellen Welt
auch noch eine davon unabhängige spirituelle Welt gibt, kann man darauf
vertrauen, dass das gesamte Weltgeschehen einen tieferen Sinn hat.
Wahrscheinlich ist das Weltgeschehen sogar noch viel besser und großartiger als
wir es uns erträumen können, doch möglicherweise liegt es auch noch jenseits
unseres Horizontes. Wir können trotzdem versuchen, uns vorzustellen, wie die
Welt funktionieren müsste, um perfekt zu sein. Da sich die bekannten
Naturgesetze bis hin zur Evolution als einfach und perfekt erwiesen haben, so
kann auch die Grundlage unseres "konstruktiven Wunschdenken" die
Annahme sein, dass die kombinierten geistigen und materiellen Naturgesetze
ebenfalls einfach und perfekt sein müssen.
Die Erarbeitung einer individuellen rationalen
Weltanschauung vollzieht sich wie die Entwicklung einer wissenschaftlichen
Theorie und ist damit auch immer diskussions- und ausbaufähig. Sie kann und sollte
auch unbewiesene Elemente aus Philosophie und Religion beinhalten, sofern diese
sich verstandesmäßig einordnen lassen. Neue persönliche Erfahrungen und
Erkenntnisse führen dann ständig zur Erweiterung der eigenen Vorstellungen. Auf
diese Weise entwickelt sich die individuelle rationale Weltanschauung parallel
zur eigenen Persönlichkeit und zum individuellen Horizont.
Offen ist jetzt noch, ob individuelle rationale
Weltanschauungen, die von verschiedenen Personen erarbeitet werden, zu völlig
unterschiedlichen oder vielleicht doch zu ähnlichen Ergebnissen führen. Eine
breite Diskussion wäre hier sinnvoll.
6.
Wie könnte die Entwicklung individueller Seelen erfolgen?
Jedes biologische Lebewesen könnte von einer Seele
begleitet sein, die den biologischen Tod überlebt. In den meisten Fällen haben die Seelen keinen
merkbaren Einfluß auf das Leben, sie sind nur da, um zu lernen und zu wachsen.
Vielleicht verschmelzen viele dieser unbewußten Seelen zu einem größeren
Gebilde, das in einem höher entwickelten biologischen Körper sich selbst als
Individuum erkennen kann. Spätestens dürfte das beim Menschen der Fall sein.
Von diesem Moment an kann die individuelle Seele über viele Wiedergeburten sich
weiter entwickeln. Jedes Leben in einer neuen Umgebung würde eine neue Chance
bieten, wobei die vorher gemachten Erfahrungen latent vorhanden sein können
ohne das ein Erinnerungsvermögen an früher Existenzen besteht. Schließlich
könnte die Seele so weit wachsen, dass die Persönlichkeit selbst entscheiden
kann, in welche Richtung die weitere Entwicklung gehen soll, wobei ggf. auch
auf eine materielle Bindungen verzichtet werden kann.
Diesen Prozess der individuellen Entwicklung könnte
man mit einer Baumbesteigung vergleichen. Solange man sich noch entlang des
Stammes bewegt, ist der Weg vorgegeben und es bestehen keine Wahlmöglichkeiten.
Wenn aber die ersten Äste erscheinen, dann kann das Individuum auswählen. Je
höher man steigt, umso vielfältiger werden die Möglichkeiten und umso weiter
wird der Horizont. Diejenigen, die sich noch entlang des Stammes bewegen,
können sich jedoch kaum vorstellen, was sie empfinden werden, wenn sie in
höheren Regionen angelangt sind.
In meiner hier lediglich als Beispiel dargestellten
rationale Weltanschauung wird das gesamte Weltgeschehen durch drei anhaltende
Prozesse beschrieben: Kreisläufe der Materie (Recycling), biologische Evolution
und eine endlose Entwicklung aller Individuen (Seelen). Beginn und Ablauf
dieser Prozesse erfordern kein Eingreifen von Gott. Deshalb ist die Frage, ob
Gott existiert, nur von rein philosophischer Bedeutung. Viel wichtiger
erscheint die Frage: Gibt es eine spirituelle Welt unabhängig von der Materie
und werden wir nach unserem biologischen Tod noch als handlungsfähige und sich
selbst erkennende Individuen existieren? Meine persönliche Antwort darauf ist
ein klares "Ja".
Diskussionen
im Internet
Diese Homepage wurde erstmals im November 2000 ins
Netzt gestellt (ursprünglich unter der Adresse unter t-online.de).
Seit dieser Zeit fanden im Internet viele Diskussionen über Foren und Newsgroups statt, vorwiegend allerdings in englischer
Sprache. Die geführten Diskussionen zeigen nicht nur die enorme Vielfalt von
Meinungen, sondern sie helfen auch bei der Weiterentwicklung der eigenen
Weltanschauung. Insofern wurde auch diese Homepage inzwischen mehrfach
überarbeitet ohne die Grundaussagen zu ändern. Einwände, die in früheren
Diskussionen gemacht wurden, könnten deshalb hier schon berücksichtigt sein.
Viele dieser Diskussionen werden im Internet praktisch für immer gespeichert,
sodass sie jederzeit nachzulesen sind. Auf einer separaten Seite sind
zahlreiche Links zu den entsprechenden Diskussionen (sortiert nach dem
Startzeitpunkt) aufgeführt.
Link zu
den entsprechenden Diskussionen: http://members.westnet.com.au/hraith/rwl.htm
ISBN 1-4196-1411-8 Easily available via BookSurge or Amazon. Online reading (free of
charge) is possible via Google
Book Search Biography: Hermann Raith
was born in
Book Summary: How to achieve a believable belief
or a rational philosophy of life? This booklet describes how everyone can
develop their own. It should be in accordance with the actual scientific
facts, but can also include consideration of philosophical elements that
have not been proven. The main guideline is the concern regarding how the
world should function perfectly, and to the satisfaction of everyone.
Letzte Änderung: Sept. 2008